Prävention im Umbruch

Diese Tage bin ich über einen interessanten Artikel im Newsletter des GDI gestossen. Das GDI hat eine Studie zum Thema "Stabile Routinen in instabilen Zeiten" veröffentlicht. Ich habe die Studie gelesen.




Das Dokument handelt davon, wie sich unsere Gewohnheiten zementieren oder eben verändern, wenn das Umfeld instabil wird. Insbesondere wird anhand einiger spezifischer Themen beleuchtet, wie resilient unser Verhalten im Bereich Gesundheitsprävention ist.


Die Frage ist: Was braucht es, damit wir in instabilen Zeiten schlechte Gewohnheiten loslassen und uns mehr uns selbst zuwenden?


Ist das überhaupt möglich, oder ist es nicht vielmehr so, dass der Mensch sich in instabilen Zeiten mehr an das gewohnte klammert und Veränderung versucht zu verhindern?




Wir Menschen sind Gewohnheitstiere. Ungefähr 40-50% unseres Alltags wird durch Gewohnheiten bestimmt. (Wendy Wood hat das bereits 2002 in einer Studie untersucht).


Wir sparen damit Energie. Unser Hirn mag keine Energie verschwenden und so automatisieren wir einen Grossteil unserer Handlungen. Dieser Autopilot-Modus führt dazu, dass wir immer wieder dieselben Muster an den Tag legen. Oder wie ist das mit der Morgenroutine im Bad genau? Und je mehr wir immer denselben Ablauf durchlaufen, umso stärker wird die Gewohnheit werden.


Werden also Gewohnheiten durch sich wiederholende Situationen ausgelöst, ist der Anteil des Tages, den wir mit Gewohnheiten verbringen ein Anzeichen von Stabilität. Oder andersrum gesagt: Je stabiler der Alltag, desto bekannter die Situation, desto mehr greifen wir auf Gewohnheiten zurück, desto mehr Energie spart unser Hirn im Autopilot-Modus. Die Umwelt hat also einen grossen Einfluss auf unser Verhalten.


Was passiert nun, wenn unsere Gewohnheiten gestört werden, weil wir gerade eine globale Krise durchlaufen in der sogar unsere Grundrechte eingeschränkt werden? Wie sich eine Disruption von Gewohnheiten auswirken kann wird in einer Studie mit Popcorn von 2011 eindrücklich bewiesen.

Die Versuchspersonen schauten einen Kinofilm und durften so viel Popcorn essen wie sie wollten.

Der einen Hälfte gab man frisches Popcorn, der anderen einwöchiges abgestandenes. Diejenigen Teilnehmenden, welche gewohnt waren im Kino Popcorn zu essen (antrainierter "Autopilot"), assen gleich viel Popcorn, egal ob frisch oder nicht. Das Popcorn wurde also gedankenlos und ohne Ansprüche reingeschaufelt. Anders sah es bei der Kontrollgruppe aus. Diejenigen, welche nicht gedankenlos im Kino waren (weil Sie nicht oft Kinofilme anschauen oder weil der Film in einer ungewohnten Umgebung gezeigt wurde), assen weniger abgestandenes Popcorn. Das Verhalten dieser Gruppe war also der Qualität des Popcorns angepasst.


Wir leben in einer Welt in der die Veränderung zur Konstanten geworden ist. Gerade aktuell ist hier in der Schweiz sehr schön zu sehen, wie das Wetter Kapriolen schlägt. Wir haben Hochwasser und Stürme in einem selten dagewesenen Ausmass. Gerade heute gab es in Zürich durch den Sturm der Nacht eine weitere Disruption des Alltags. Die Menschen können nicht mehr zur Arbeit oder nur mit Verspätung, weil der öffentliche Verkehr zum Erliegen kommt. Der Klimawandel wird unser Leben in vielerlei Hinsicht verändern.


Die Veränderung trifft auch den Arbeitsmarkt. Viele Jobs werden automatisiert und anstelle von Routine ist lebenslanges Lernen angesagt. Das macht Angst. Einige Szenarien gehen davon aus, dass künftig nur noch "skillbasiert" gearbeitet wird, sozusagen im dauernden Freelance-Modus. Die vergangen Monate haben uns gelehrt, Home-Office zu akzeptieren und mehr Online zu arbeiten. Die Distanzierung und die Isolation der Menschen hat wiederum Auswirkungen auf das Sozialverhalten, die Ernährungsgewohnheiten und das Bewegungsverhalten.


Positive Veränderungen von Gewohnheiten trotz einschneidender Disruption bedürfen einer bewussten Koordination. Hier kommen vor allem die Grundstimmung zum Leben, die soziale Einbettung und der Bildungsstand (Wissen) zum Tragen.


Je mehr der Mensch sich selbst regulieren kann, desto resilienter ist er gegenüber all den Veränderungen im Aussen. Es geht also um die Fähigkeit, sein eigenes Verhalten bewusst zu steuern und zu reflektieren und die kurzfristigen Impulse wahrzunehmen und bewusst darauf zu reagieren.


Was bedeutet es nun, dass Selbstregulation ein wichtiger Faktor ist? Lässt sich diese fördern?

Ja, das lässt sie sich! Und wird in einer Welt die nicht aufhören wird mit Disruption zu einem wichtigen Faktor für die Gesundheit des Menschen.


Sehr spannend ist der Aspekt, dass Menschen, welche in Gegenwart anderer Menschen mehr Aufmerksamkeit auf das eigene Verhalten legen und damit weniger Automatisiert handeln. Wir reflektieren dann unser Verhalten besser und stimmen es eher mit unseren Idealen ab, wenn das Verhalten von anderen Menschen wahrgenommen wird.


Menschen die Ihre Aufmerksamkeit gegenüber Umweltreizen geschärft haben, hatten in den Vergangenen 12 Monaten weniger Probleme mit psychischer Gesundheit wie eine Studie von 2020 belegt.


Selbstregulation kann also erlernt werden.


Ein möglicher Anker dazu sind Rituale. Rituale werden gerade in Zeiten der Unsicherheit wichtiger. Ein Verhalten ist ritualisiert, wenn es Aspekte beinhaltet, die für die funktionale Erfüllung der Handlung nicht notwendig wären. Besonders sichtbar werden Rituale bei Sportlern. Persönlich erinnere ich mich an den Skifahrer Alberto Tomba, welcher sich jeweils vor dem Rennen sich im Starthaus bekreuzigte oder an den Fussballer Maradona, welcher die Schuhe erst nach dem Aufwärmen binden konnte. Ein Ritual kann also ein Verhalten "verschönern" und auch beruhigend wirken. Es macht eine Handlung zu etwas besonderem.


Für Selbstregulation sind Ziele notwendig. Man muss jedoch nicht nur wollen können, sondern Selbstregulation setzt auch Wissen voraus. Wenn ich mich gesund ernähren möchte, so muss ich auch wissen, was das bedeutet und wie ich das umsetzen könnte. Der niederschwellige Zugang zu Wissen könnte also auch helfen in Krisen mehr Resilienz zu schaffen.


Auch geplante Disruption kann ein guter Treiber sein, um sich mit dem Unvorhergesehenen anzufreunden. Geplante Veränderungen im Alltag erlauben das Hinterfragen der eigenen Gewohnheiten. Eine Möglichkeit dazu bietet einer Reise in die Sahara. Es ist eine Reise ohne Ballast, ohne Infrastruktur und ohne elektronische Kommunikationsmittel. Geplante Disruption eben.


Sehr spannend ist der Aspekt, dass Menschen in Gegenwart anderer Menschen mehr Aufmerksamkeit auf das eigene Verhalten legen und damit weniger automatisiert handeln. Wir reflektieren dann unser Verhalten besser und stimmen es eher mit unseren Idealen ab, wenn unser Verhalten von anderen Menschen wahrgenommen wird. So gesehen ist die Isolation der letzten Monate nicht förderlich.


Fazit

In einer Welt, die sich immer schneller verändert, kommt der Mensch nicht darum herum seine Gewohnheiten der veränderten Umwelt anzupassen. Der Schlüssel dazu ist die Fähigkeit der Selbstregulation. Diese ist nicht angeboren, sondern hängt vom Umfeld ab, in dem wir uns bewegen und kann trainiert werden.


Das Erlernen und trainieren der Selbstregulation wird also zunehmend wichtiger. Die meisten Menschen wollen mehr Sport treiben, gesünder essen, mehr schlafen, sich besser in Gleichgewicht halten, nur gelingt das nicht immer. Nicht zuletzt weil Menschen Opfer ihrer Gewohnheiten sind. Insbesondere wenn sich diese Gewohnheiten so langsam im Leben eingeschlichen haben und unbewusst ausgeführt werden. Wenn sich ein Mensch nicht hinterfragen kann, fehlt ihm die Autonomie. Er ist dann abhängig von äusseren Einflüssen. Ich habe innerlich das Bild einer Fahne im Sturm. Sie ist dem Sturm wehrlos ausgesetzt. Der Unterschied zum Menschen: Wir haben einen Willen und können entscheiden. Die Fahne kann es nicht. Die Fähigkeit der Selbstregulation ist also auch die Voraussetzung für Selbstverantwortung.


Dank an die Autoren (Jakub Samochowiec, Marta Kwiatkowski, Detlef Gürtler) dieser Studie und dem GDI für die Veröffentlichung. Wir leben wahrlich in spannenden Zeiten...

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